„Das Stutzbachwehrle und das neue Licht“ in Bermersbach

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Bild: vermutlich im Zeitraum zwischen 1966-1970 entstanden

Wie es zu meinem ersten Dämonenbuch kam und wo es spielt, habe ich in meinem Blog "Auf den Spuren des Dämons", erzählt. Heute berichte ich darüber, wie es zu meinem zweiten Dämonenbuch kam, an welchem ich gerade arbeite.

Rund um unser schönes Bergdorf Bermersbach gibt es unzählige Wanderwege. An einem, dem Glücksweg, befindet sich unterhalb davon ein Stauwehr. Ich durfte, zum Zwecke der informativen Beschilderung, die Historie aufarbeiten, in der ich schildere, wie die Elektrizität in dem Bergdorf Einzug hielt. Zu diesem Anlass besuchte ich natürlich das Wehr, und konnte dafür auch einige idyllische Bilder machen. Als ich so dastand, und über die Wasseroberfläche blickte, umringt von Wald, entsprang in mir der zündende Funke zum zweiten Teil meiner Dämonenreihe.

Bevor ich allerdings mit der Geschichte starten konnte, musste ich sehr viel recherchieren. Dabei ergab sich natürlich zunächst einmal der Text für die Beschilderung und viele technische Daten. Die historische Aufarbeitung war sehr interessant. Aber lest selbst...

Die Einführung der Elektrizität in einem kleinen Bergdorf

Entlang dieser schönen Wanderstrecke, dem Glücksweg, liegt das Stauwehr, dass durch seine idyllisch in die Landschaft eingebrachte Lage im Stutzbachtal den hier geläufigen Namen „Stutzbachwehrle“ erhalten hat. Die Geschichte dieses Stauwehrs reicht weit zurück, und könnte uns der damalige Dorfdiener Ludwig Wunsch berichten, der schon 1901 als Laternenanzünder fungierte, würde er uns vielleicht Folgendes darüber erzählen.

„Früher, ja bevor der Strom ins Dorf Einzug hielt, begab man sich schon bei Zeit zu Bett. Kein langes lesen und arbeiten, wie es die Lüt heute zu tun pflegen. Wenn die Nacht hereinbrach verfügte man lange Jahre nur über das Kienspanlicht. Gerne würd ich euch die Aufzeichnungen vorzeigen, aus denen heraus ersichtlich würde, dass schon vor dem Jahre 1800 jedem Bermersbacher Bürger ein Achtel Klafter Spanholz (meist Kiefernholz) gratis abgegeben wurde. Talg- und Wachslicht war uns Dorfbewohnern zu dieser Zeit oftmals zu teuer. Natürlich hielt so ein brennender Holzspan nicht lange an, und wenn wir einen geselligen Abend hielten, benötigte man schon einige Späne, um das Beisammensein halbwegs gemütlich zu gestalten. So ein Kienspanlicht entfaltete eine Helligkeit von bis zu 50 NK Normalkerzen. So haben wir die Stromeinheit früher genannt. Vergleicht es mit eurem heutigen Watt.“

Abgelöst wurde das Kienspanlicht allmählich von den Ölfunzeln, die wiederum ab ca. 1855 nach und nach von den Petroleumlampen ersetzt wurden. Mit diesen Petroleumlampen hielt auch die Straßenbeleuchtung Einzug ins heimische Dorf. Lassen wir den Ortsdiener Reinhard Roth berichten, der 1886 mit der Gemeinde den ersten Lichtvertrag abschloss.

„Mit der Straßenbeleuchtung begann in Bermersbach auf kommunaler Ebene die Versorgung. Woanders ab 1880 inzwischen schon elektrisch – hier wenigstens 1875 mit Petroleumstraßenlampen. Regelungen mussten getroffen werden, und ich wurde mit einem Vertrag als „Laternenanzünder“ bestellt. Fünf Straßenlaternen galt es ab da für mich zu betreuen. Als dann Anfang 1904 in dem schönen Ort Bermersbach endlich das „neue Licht“, das Elektrische, ins Gespräch kam, war dieser Fortschritt nicht mehr aufzuhalten. Nur leider erhielt man durch die mangelnde Aufklärung über die Funktionsweise, von seitens der Dorfbewohner viel Skepsis.“

Trotz allem kam der Gedanke der Stromversorgung nicht mehr zur Ruhe. Endlich, im Jahre 1904, ließ man von einer Maschinenfabrik in Eßlingen ein Angebot erstellen, zur Errichtung eines Stromwerkes, welches im Dezember 1904 in der Gemeindesitzung vorgelegt wurde. Lassen wir nochmals Ortsdiener Ludwig Wunsch sprechen:

„Ich erinnere mich, dass im August 1905 mit der Maschinenfabrik ein Vertrag zur „Erstellung eines elektrischen Werkes für die Gemeinde zum Zwecke der Modernisierung der Ortsbeleuchtung und Nutzung des Stromes in den Gemeindegebäuden“, geschlossen wurde. Während eine Haushaltsversorgung das Jahr über in den Diskussionen noch nicht in Betracht gezogen worden war, beinhaltete der Vertrag jetzt nicht nur die elektrische Anlage mit den zehn Straßenlampen. Er bezog auch, auf Anraten der Firma hin, vierzig Haushaltsanschlüsse mit ein, mit dem Argument, dass die Einbeziehung der Haushaltsanschlüsse das kleine Elektrizitätswerk rentabel machen würde. 

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Bald darauf erfolgte im Untergeschoss der alten Sägemühle der Aufbau der Elektrowerkeinrichtung. Bestehend aus zwei Dynamos, angetrieben durch ein oberschlächtiges Wasserrad, welches außen am Sägewerk gegen die Bergwand angebracht war. Das Wasser wurde über einen schmalen Kanal vom Schwellwogberg zugeleitet.

Jahreszeitlich bedingte unbefriedigende Wasserverhältnisse, die voranschreitende Anbindung der Haushalte und die somit recht bald erreichte Grenze der Kapazität erforderten eine Erweiterung und Modernisierung des elektrischen Werkes. Eine zuerst angedachte Talsperre im Sersbachtal wurde verworfen und so besann man sich auf ein kleines Becken in der Stutzbach mit 98 Kubikmeter Inhalt.“

Die Weiterentwicklung ließ sich, wie vielerorts, auch hier nicht aufhalten und nach mehrmaligem Aufrüsten und letzten Endes sogar zukaufen von enormen Kilowattmengen beim Badenwerk, sah man sich um 1955 veranlasst einen neuen leistungsfähigeren Generator einzubauen. Die Wasserkraft musste hierfür eine bessere Ausnutzung erfahren.

Abermals kam eine Talsperre ins Gespräch, diesmal im Stutzbachtal, doch die Nachteile überwiegten. Letzten Endes entschied man sich durch vielfältige Gründe für ein neues, größeres Wasserbecken, dem „Stutzbachwehrle“ mit 1200 Kubikmetern Wasserinhalt, welches ausreichen sollte um die gegebene Turbinenleistung von 47,5 kW zu erreichen

Durch ein 1955 in Auftrag gegebenes Gutachten erhielt man die notwendigen Daten um ein neues, den zu diesem Zeitpunkt erforderlichen Gegebenheiten angepasstes Wehr, zu bauen. Zunächst wurden 870m Rohrleitungen erneuert, die das Wasser vom Wehr zum Druck-Wasserschloss führten, danach verlegte man neue Gußrohre auf einer Länge von 450m bis zur Sägemühle. Endlich im September 1964 begann man das heutige Stauwehr zu bauen. Im Mai 1965 war es fertiggestellt.

So bekam das 1922 in Betrieb genommene ehemals 98-Kubikmeter-Becken nach 33 Jahren sein heutiges Aussehen.

Im Jahr 2015 wurde die Anlage modernisiert. Ein Solarpanel versorgt die automatische Wasserstandsmeldung, die direkt an die Turbinenstation meldet, die daraufhin den Winkel des Wasserstrahls auf das Turbinenrad dementsprechend einstellt.

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Aus Sicherheitsgründen ist das Stauwehr zur Zeit nicht begehbar. Das ist natürlich schade, denn der unheimliche Flair, der über diesem Wehr liegt, lässt der Phantasie keine Grenzen. 

Ein wenig ist das Wehr einsehbar, wenn man auf dem Glücksweg wandert und ein kleines bisschen spürt man den Dämon, der dort vielleicht heute noch sein Unwesen treibt ... 

Quelle:

  • Text: Unsere Heimat Bermersbach/Heft Nr. 9
  • Technische Daten: Gemeinde Forbach, Herr Dietrich
  • Heimatverein Bermersbach
  • Bilder: Manuela Maer