Die Geschichte eines Menschen.

Was macht einen Menschen aus?

Wie schaffen es gerade ALTE Menschen, und da spreche ich nicht von den junggebliebenen 60jährigen. Nein, ich spreche von den 80jährigen oder noch älter, wie schaffen es gerade DIE, in der heutigen Zeit eine oftmals entspannte Aura um sich herum zu haben?

Natürlich, und das ist mir klar, gibt es genügend in diesem Alter, die oftmals krank und ereignislos irgendwo ihr Dasein fristen. Darauf wartend, dass sie erlöst werden. Mit Verlaub: mit Hochachtung und großem Respekt, für das, was sie in ihrem Leben geleistet haben, diese Menschen meine ich hier nicht.

Ich meine diejenigen, die ich am Sonntag in der Kirche sehe, von der Tochter bis nach vorn in die erste Reihe gebracht. Ich meine diejenigen, von denen ich Jahr für Jahr in der Zeitung lese, dass sie wieder ein Jahr näher der hunderter Grenze gekommen sind.

Der Lösung dieser Frage, die ich mir seit langer Zeit stelle sollte ich vor zwei Jahren endlich näher kommen.

Ein befreundeter Kollege, Fotograf und Journalist, Reinhold Bauer, trat an mich heran und bat mich, ihn bei einem Buchprojekt zu unterstützen.

Seine Nachfrage ehrte mich sehr, dennoch war mir klar, dass dies eine sehr große Herausforderung darstellte.

Seine Idee: Ältere Menschen, möglichst Menschen über einem Alter von 75 Jahren, zu interviewen und Geschichten ihres Lebens aufs Papier zu bringen.

Seine Intension, Zitat: „ ... eine Zeit und die daraus resultierenden Geschichten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Eine Zeit in der die Menschen die Belastung zweier Weltkriege auszuhalten hatte.

Denn diese schlimme Tatsache war prägend für gleich mehrere Generationen.

Viele Erzählungen handeln von den Entbehrungen und den Ängsten denen die Bevölkerung damals ausgesetzt war. Sie spiegeln aber auch deren Unverzagtheit und positive Lebenseinstellung wider.

Auch historische Erinnerungen, die ich für interessant halte, sollen in diesem Buch nochmals einen Platz finden.“

Das gab mir zu denken, und nach reiflicher Überlegung willigte ich ein.

So starteten wir mit unserer Interviewreihe am 11. Februar 2014.

Wir trafen uns zuvor, um einen Schwerpunkt für die Geschichte festzulegen. Schließlich wollten wir nicht zehn Mal vom Krieg erzählen. Es gab Vieles, von dem die heutige junge Generation nichts weiß, dass sollte in unseren Geschichten über diese Menschen zutage kommen.

Ca. zwei Stunden dauerte so ein Interview, wobei wir abwechselnd die Fragen stellten und er nebenbei Fotos machte. Ich schrieb alles mit, wobei oft zwischen 10 und 15 Seiten zusammenkamen. Natürlich kamen viele, auch sehr persönliche Dinge, zutage. So oblag es unserem Fingerspitzengefühl zu entscheiden, was von diesen teils sehr ergreifenden Erinnerungen Platz in unseren Geschichten fand. Ich erinnere mich noch sehr gut an die erste Geschichte. Natürlich hat mir Reinhold ungefähr erklärt, wie er sich die Erzählungen vorstellte, aber ob ich wirklich das traf?

Ich ließ die Notizen des Interviews erst mal drei Wochen liegen. Somit verblassten eher nebensächliche Erwähnungen und just an dem Tag, an dem ich mich dran setzte, die Story zu schreiben, war das Wesentliche parat und mit Hilfe meiner Aufzeichnungen entstand die erste Geschichte. Noch nachts, ich glaube es war schon gegen 23:00 Uhr, schickte ich Reinhold den Text per eMail durch. Das war ein Fehler, denn die Aufregung, ob es ihm so gefällt, hielt mich beinahe die ganze Nacht wach. Am nächsten Morgen, gegen zehn Uhr, endlich die erlösende Mail.

Es gefiel ihm, und wir würden so weitermachen.

Allergrößte Erleichterung tat sich breit, und so stand den folgenden Interviews nichts mehr im Weg.

Insgesamt zehn Mal im Laufe der darauffolgenden zwei Jahre fanden wir uns bei den unterschiedlichsten Interviewpartnern ein. Teils ergreifende Erlebnisse, die uns oftmals verstummen ließen. Manchmal, geb ich zu, musste ich hart mit mir kämpfen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Sprachlos saßen wir oftmals da, fasziniert davon, wie die Person, die uns gerade gegenübersaß, trotzdem so fröhlich und gelassen sein konnte. Und erst recht fragte ich mich, wie geht das?

Je mehr wir solche Treffen hinter uns brachten, je mehr glaube ich, kam ich zumindest einer Sache auf den Grund. Bei fast allen Interviewten stellte ich fest, dass der familiäre Zusammenhalt immens groß war, und auch heute noch ist. Diese Gewissheit, die diese Menschen haben, nicht alleine zu sein, gibt ihnen Sicherheit und vielmals einfach die innere Ruhe.

Ein schönes Gefühl, und oft saß ich zu Hause an meinem Rechner, und stellte wieder und wieder fest, wie unwichtig viele Dinge um einen herum doch sind. Dinge, über die man sich aufregt, obwohl sie im Grunde nichtssagend sind. Wie wichtig es doch ist, spontan zu sagen, „ey Kinder, die Sonne scheint, laßt alles stehen und liegen, macht nachher weiter, wir drehen erst einmal eine Runde im Wald!“

Diese Zeit zu genießen, inhaltsvolle Gespräche zu führen, zusammen zu sein. Wie schnell können harte Zeiten uns treffen, und seis nur durch Krankheit.

Diese Interviews haben mich verändert, in vielerlei Hinsicht. Mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Besser anderen Zuhören, hin fühlen, wie es ihnen geht. Aufmerksamer zu sein.

Inzwischen sind wir mit unseren Geschichten an einem Punkt angelangt, der es erlaubt sie in Form zu bringen, mit den alten und aktuellen Bildern zu versehen und zu einem Buch zusammen zu fassen. Die einzelnen Geschichten werden von uns zurzeit korrigiert und überarbeitet. Die Betroffenen bekommen sie zum Lesen und alle waren begeistert, wie wir ihr Leben wiedergeben. Es war viel Arbeit erforderlich , bis wir der Öffentlichkeit das Werk präsentieren konnten.

Und so langsam war ich in der Lage, MEINE Intension zu formulieren, weshalb ich der Idee von Reinhold Bauer gefolgt bin und mit ihm zusammen diesem Buchprojekt Leben eingehaucht habe.

Manuela Maer:

Meine Intension ist… den Menschen, die uns erzählen, das Gefühl geben, dass sie der Nachwelt etwas hinterlassen können. Für sie will ich auf diesem Weg wie ein Werkzeug oder Sprachrohr sein.

Einfacher ist es, sich Phantasie-Geschichten auszudenken. Hier allerdings stellt es für mich eine große Herausforderung dar, weil ich hart an den Fakten der Vergangenheit entlang schreibe. Den bemerkenswerten Erinnerungen der Interviewpartner möchte ich damit meinen Respekt zollen.

Diese Menschen haben in vielfältiger Weise Voraussetzungen geschaffen, damit wir und unsere Kinder ein gutes Leben führen können. Sie haben nie den Mut verloren und oft hart darum gekämpft, das Wenige was sie hatten zu behalten.

Ich finde, dass solche Geschichten einen Platz in einem Buch verdient haben.

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