Leseprobe aus dem Roman
Blaue Libellen und grüne Heuschrecken

... ... ... Gemütlich und bedächtig schreite ich über den Kiesweg, hinüber zur Holzbank, von der aus ich den gesamten Teich überblicken kann. Heute ist etwas anders. Heute verspüre ich Lust, die Hand in das Wasser zu tauchen. So oft bin ich schon hier gewesen und nicht einmal auf die Idee gekommen zu testen, wie kalt das Wasser sein könnte. Ist das ein gutes Zeichen? Neugierig bewege ich mich auf den Steg zu, der mindestens zwei Meter in den Teich hineinragt. Gehe in die Hocke und strecke meinen rechten Arm aus. Vorsichtig lasse ich meine Fingerspitzen in das Wasser gleiten. Frisch, aber nicht kalt, zieht es zwischen ihnen hindurch. So gebannt durch diese neue Erfahrung in meinem Traum bekomme ich nicht mit, wie Iris mir ein weiches Kissen in den Nacken schiebt. Lächelnd streicht sie mir eine meiner braunen Strähnen aus der Stirn. Sie widmet sich einem weiteren Patienten, während ich mich frage, ob es mir gestattet ist, in diesem Teich zu baden. Zumindest die Füße könnte ich hineinhalten. Warum eigentlich nicht, es ist schließlich mein Traum. Versehentlich streift mein Blick die Holzbank und verwundert erhebe ich mich. Sehe mich um. Die Blumen und Pflanzen, alles ist wie gewohnt. Wie von alleine zieht es meinen Blick auf das Wasser, über dessen Oberfläche nach wie vor die Libelle kreist. Ein dicker blauer Körper, der in einem langen dünnen Schwanz endet.

Da ist doch was. Erschrocken weiche ich vom Rand des Steges zurück. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in meinem Traum immer nur schöne und angenehme Illusionen zu haben. Nichts was mich erschrecken könnte oder gar ängstigen. Ein sonderbares Gefühl umgibt mich. Es war als würde sich mein Traum verselbstständigen wollen. Weiterhin starre ich angespannt in das Wasser, welches von einer Sekunde zur anderen Wellen zeigt, die unmöglich von der Libelle verursacht werden konnten. Dann glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Offensichtlich taucht jemand in diesem kühlen Frisch hin und her. Und erst als ich bereit bin, dies zu akzeptieren, dass sich anscheinend eine Person in meinen Traum geschlichen hat, taucht dieser Körper auf. Zunächst sehe ich den Rücken, stark, breit und muskulös. Ich erkenne, wie derjenige, ein Mann, sich mit den Händen über den Kopf und das Gesicht streift. Dieser jemand, der sich anmaßt mich hier an diesem ganz persönlichen, meinen Ort, zu stören, dreht sich herum. Er strahlt mich an mit einem Lächeln, dass wie warmer Honig um meinen Körper wallt. Unmittelbar entspanne ich mich wieder. Seine haselnussbraunen Augen ziehen mich an und erst jetzt fällt mir auf, wie wohlgeformt sein Gesicht ist. Schmale dunkle Augenbrauen ziehen über seinen gleichmäßigen Augen hinweg und sein Lachen wirkt magisch auf mich. Er winkt mir zu. Perplex winke ich zurück. In einigen wenigen Kraulzügen schwimmt er zu mir an den Steg und hält sich daran fest. Er macht keine Anstalten aus dem Wasser heraus zu kommen. Was macht er hier? »Ist es sehr kalt?«, höre ich mich fragen. Was für ein Unsinn. Ich will eigentlich wissen, weshalb er sich in meinen Traum geschlichen hat.

»Nein!« Seine samtene tiefe Stimme gleitet wie warmer Sommerwind über mich hinweg.

»Es ist sehr erfrischend.« Baff und schon beinahe wütend stehe ich da und starre ihn an.

»Wolltest du nicht eben noch deine Beine ins Wasser tauchen?« Er hat einem Ausdruck im Gesicht, der keine Wiederrede zulässt. »Woher weißt du, dass ich meine Beine ...!« Ich bin zutiefst erstaunt über seine Frage und er scheint dies zu bemerken.

»Wolltest du das etwa nicht?« Seine Stimme ..., dezent, ohne aufdringlich zu wirken.

»Doch, ich hatte es mir in der Tat überlegt.« Vorsichtig gehe ich vor bis an den Rand des Steges. Er wird mich nicht hineinziehen wollen, denke ich. Ich spüre, wie mir der Traum entgleitet und ich die Macht und Befehlsgewalt über ihn verliere. Und doch fühle ich mich nicht unwohl, eher neugierig. ... ... ...

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