Leseprobe aus Fluch des Bösen, Teil 1, Erinnerungen

... ... ... »Du gehörst auch dazu«, sagte sie mit erstickter Stimme, »du bist auch ein Vampir, habe ich recht?« Langsam ging sie Schritt für Schritt rückwärts.

»Na ja«, schmunzelte er, »wenn du so direkt fragst – ja!« Er lachte, und es klang abfällig.

Rosalie konnte sich kaum bewegen. Wie angewurzelt stand sie da und überlegte, was sie tun sollte. Hätte sie doch nur auf mich, Sarah, gehört! Doch jetzt war es zu spät. Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie fürchtete, ohnmächtig zu werden.

»Was hast du nur?« Es klang, als ob John sich über sie lustig machte. »Es ist doch nichts dabei, ein Vampir zu sein. Oder?«

Wie der Blitz drehte Rosalie sich um und rannte in den dunklen Garten. Nach ein paar Schritten war sie von der Dunkelheit verschluckt. Sie rannte und rannte, ohne zu wissen, wohin. Sie stieß an Bäume, stolperte über Büsche, und als sie sich weit genug weg glaubte, blieb sie stehen, völlig außer Atem.

Er will mich umbringen, dachte sie panisch.

Sie sah sich um, aber es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können. Etwas vorsichtiger tastete sie sich langsam voran, bis sie unter einem buschähnlichen Baum ein Plätzchen fand, auf dem sie sich niederließ.

John rief nach ihr: »Rosalie, komm zurück. Du kommst hier nirgends nach draußen«, und als er keine Antwort bekam: »Ich werde dich suchen – und ich werde dich finden!«

Er schüttelte den Kopf, lachte und ging wieder zurück ins Haus.

Rosalie überlegte unterdessen, was sie tun könnte: Wenn er mich findet, wird er mich töten. Was mach ich nur? Um Hilfe rufen, wird nichts nützen. Hier hört mich ja doch niemand.

Auch weiterzulaufen war sinnlos, da sie nichts sehen konnte. Aber hier zu warten, bis er sie gefunden hätte? Vorsichtig erhob sie sich und tastete sich geräuschlos voran.

Dominik hatte gerade noch Johns Rufe gehört, als sein Cousin schon ins Haus kam. »Was ist los?«, fragte er.

John musste immer noch lachen. »Sie ist weggelaufen, geradewegs in unseren schönen Garten.« Er zog den Mantel aus und hängte ihn über seinen Arm. Dann besprach er sich mit Dominik. Sollten sie Rosalie im Garten suchen und sie zurück ins Haus holen? Andererseits war der Garten groß, und Rosalie würde ihn ohnehin nicht verlassen können. Dennoch konnten sie nicht riskieren, dass das Mädchen doch einen Weg fand, das Grundstück zu verlassen. Sie überlegten noch ein wenig, bis John eine Entscheidung traf.

»Ich werde sie suchen gehen.«

Sein ganzer Körper spannte sich an. Plötzlich war er sehr aufgeregt. Er warf seinen Mantel dem Butler zu und drehte sich wieder um.

Beim Hinausgehen rief er: »Wünscht mir denn keiner einen guten Appetit?«

Die Partygäste bekamen voll all dem nichts mit.

Rosalie hatte unterdessen bemerkt, dass es sinnlos war, weiter in das Gestrüpp hineinzulaufen. Auf einem Stück Rasen, das von üppigen Thujasträuchern eingefasst war, ließ sie sich nieder. Die Dunkelheit umringte sie wie eine schwarze Decke. Sie zitterte – nicht vor Kälte, sondern weil sie Angst hatte. Todesangst. Rosalie konnte nicht glauben, was hier geschah. Ihr schönes blaues Kleid war durchnässt von Angstschweiß.

Dann gab sie sich einen Ruck. Sie lief den Weg wieder zurück, vorbei an der Limousine und ein Stück den Kiesweg entlang, der noch immer ein wenig von den schwächer gewordenen Fackeln beleuchtet wurde. Es genügte ihr, um den Weg zu erkennen und sich einen Rückweg aus dem hinteren Garten zu bahnen.

Da der Kies zu laut knirschte, lief sie neben dem Weg auf dem Rasen. Der dämpfte ihre Schritte. Nun konnte sie John hören.

Er hatte angefangen, sie zu suchen, und rief immer wieder ihren Namen. Es klang, als ob er weit genug entfernt war; offenbar lief er zuerst in den hinteren Teil des Gartens.

John hatte eine kleine Öllampe mitgenommen und leuchtete mit ihr in die dunkelsten Ecken. Auch wenn er selbst diese Leuchte nicht brauchte, hoffte er, dass sie Rosalie beruhigen würde. Er erreichte die Thujasträucher. Rosalies Geruch war ihm schon von Weitem in die Nase gestiegen, er verteilte sich wie eine Wolke in der Luft. John fuhr mit der Zunge über seine Lippen. Dieser Duft, vermischt mit dem Geruch ihres Parfüms, machte ihn fast verrückt. Langsam drückte er die Äste der eng zusammenstehenden Sträucher auseinander. Das schwache Licht der Öllampe fiel auf die kleine, mit Rasen bewachsene Lichtung. John konnte noch die Abdrücke sehen, die Rosalie hinterlassen hatte. Wieder sog er tief ihren Geruch ein und sah sich genauer um. Sie musste sich irgendwo verletzt haben. Zwei winzige Blutstropfen hingen an einem der unteren Zweige.

Rosalie lauschte. Als sie John nicht hören konnte, spurtete sie das letzte Stück zum Tor. Außer Atem stand sie vor den beiden Flügeln des Tors. Es war verschlossen. Sie ärgerte sich. Hatte sie wirklich etwas anderes erwartet? Sie rüttelte am Gestänge. Es musste doch eine Tür geben! Man musste hier doch auch zu Fuß ein- und ausgehen können, ohne gleich das große Portal zu öffnen! Was jetzt? Sollte sie nach rechts oder links gehen? Die falsche Entscheidung würde sie Zeit und damit vielleicht das Leben kosten. Aber was, wenn sie sich hier unmöglich aufführte und ihr Verhalten einfach nur albern war? Wenn es sich nur um ein Missverständnis handelte? Sie haderte mit sich. Sie hatte doch richtig gehört, dass Dominik ein Vampir war? Dann war es nur wahrscheinlich, dass auch John einer war. Rosalie begann, hysterisch zu lachen. Vampire! Als ob es so etwas geben würde! Und dennoch …

Sie wandte sich nach rechts und huschte an dem hohen Gitterzaun entlang. Tatsächlich befand sich auf dieser Seite in dem aufwendig geschmiedeten Portal eine Tür, die kaum zu erkennen war. Und sie war nicht verschlossen, sondern nur angelehnt. Rosalie öffnete die Tür und atmete auf.

John hatte unterdessen kehrtgemacht. Rosalies Duft wies ihm den Weg. Lächelnd und fast schlendernd folgte er ihrer Fährte. Er war überzeugt, dass es ihr nicht gelingen würde, das Grundstück zu verlassen. Auch er zog es vor, auf dem Rasen laufen, um seine Position nicht durch knirschenden Kies zu verraten. Mühelos konnte er trotz des nur schwachen Lichts der Fackeln am Wegrand die Toreinfahrt erkennen. Er vermochte selbst in gänzlicher Dunkelheit hervorragend zu sehen, so wie jeder Vampir.

Rosalie hatte die Tür bereits geöffnet. Sie drehte sich noch einmal nichtsahnend um, den Türgriff in der Hand, um zum Haus zurückzublicken.

Eine weitere besondere Eigenschaft der Vampire kam nun zum Tragen: Schnelligkeit. Sie vermochten sich so flink zu bewegen, dass es für das menschliche Auge nicht mehr sichtbar war. John stellte die Öllampe ab und befand sich einen Sekundenbruchteil später neben der Eisentür auf der Seite außerhalb des Grundstücks.

Rosalie kehrte ihm den Rücken zu. Sie haderte mit sich. Sollte sie wirklich gehen und mich, Sarah, allein zurücklassen? Aber was konnte sie alleine schon ausrichten? Sie musste Hilfe holen! Als sie sich wieder umdrehte, um durch die Tür zu treten, blickte sie in Johns lächelndes Gesicht; lässig lehnte er am Steinpfeiler.. Sie stolperte rückwärts und fiel über ihre eigenen Füße. Da saß sie nun auf dem Kies und sah John an, unfähig, sich zu bewegen.

Stumm hielt er ihr seine Hand entgegen. Fast mechanisch gab Rosalie ihm ihre und ließ sich auf die Füße ziehen. Sie konnte nichts anderes tun, als John mit geweiteten Augen hilflos anzustarren.

John hielt Rosalie fest an der Hand.

Noch einmal würde sie ihm nicht entkommen. Langsam zog er sie zu sich heran und legte seinen Arm um sie, während er sie schmunzelnd ansah. Das schwache Licht der Lampen, die die Torauffahrt beleuchteten, ließ ihn schön und geheimnisvoll aussehen. Sanft gab er Rosalie einen Kuss.

Rosalie machte sich steif und versuchte sich gegen die Zärtlichkeit zu wehren. Ihr fehlte jedoch jede Kraft. Er ließ beide Arme wie Schlangen über ihren Körper gleiten und küsste sie erneut – länger, inniger und intensiver als zuvor.

Dieses Mal gab Rosalie nach. Es gefiel ihr, und sie konnte sich plötzlich nicht mehr vorstellen, dass ihr dieser Mann etwas tun würde. Sie erwiderte den Kuss, vollkommen in seinen Bann gezogen.

John umfasste Rosalie und sprang mit ihr in den Schatten der Mauer. Völlige Dunkelheit umhüllte sie. Er küsste sie auf Stirn und Wangen und drehte sachte ihren Kopf zur Seite. Liebevoll ließ er seine Lippen über ihren Hals gleiten und spürte ihren Puls.

Rosalie kam plötzlich zu Bewusstsein, was hier passierte –aber es war zu spät. ... ... ...

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