Leseprobe:   Ilya Duvent - Der Sturm in Dir!

Rastatt, Februar 1848

Behutsam öffnete Isabelle ihre Augen, die geschwollen und gerötet waren vom Weinen bis spät in die Nacht. Grell schien die Sonne in ihr Schlafgemach. Immer noch müde, stellte sie fest, dass sie weder die Läden geschlossen noch die Vorhänge zugezogen hatte. Schwerfällig setzte sie sich auf und hielt vorsichtig mit der rechten Hand den linken Unterarm fest. Er war über und über mit blauen Flecken und Blutergüssen bedeckt, ebenso wie ihr restlicher Körper. Mit schmerzverzerrtem Gesicht tastete sie sich ab, versuchte, die Finger der linken Hand zu bewegen, was nur unter großen Qualen möglich schien. Sehr langsam schlug sie die schwere Bettdecke zurück und legte ein Bein nach dem anderen behutsam zur Bettkante. Selbst sie offenbarten deutlich alte und neue Abdrücke, welche auf die andauernden Misshandlungen ihres Gatten hinwiesen. Auf wackeligen Beinen stakste sie hinüber zur Waschschüssel, goss mühsam mit einer Hand Wasser hinein und tauchte Baumwolltücher in das kühle Nass. Mit diesen Wickeln verband sie ihren linken geschundenen Arm. Der Blick in den übergroßen und reich verzierten Bodenspiegel gefiel ihr ganz und gar nicht, sie zwang sich dennoch hineinzusehen. Drei oder auch vier rötliche Striemen prangten auf der linken Gesichtshälfte. Eine Stelle neben der Augenbraue war besonders geschwollen und machte den Eindruck, als würde sie gleich aufplatzen wollen. An der rechten Hand ihres Mannes befanden sich jeweils an Mittel- und Ringfinger breite goldene Herrenringe. Einer der Schläge mit dieser Hand, die sie wie Sandsteine im Gesicht trafen, war vermutlich der gewesen, durch den sie ihr Bewusstsein verloren hatte. Die bittere Erinnerung holte sie ein und sie begann zu zittern, so sehr, dass sie zurück zum Bett humpelte und sich schnell auf der Kante niederließ. Zu ihrem 23. Geburtstag, den sie vor ein paar Wochen feierte, hatte er ihr Besserung versprochen. Leider hoffte sie bisher vergeblich auf die Einlösung des Versprechens.

Ihr Bewusstsein drehte sich im Kreis. Wieder und wieder suchte sie in Gedanken nach Möglichkeiten, ihrem jähzornigen Mann zu entfliehen, der immer und immer wieder seinen Unmut und seine Unzufriedenheit an ihr auslebte. Mühselig schleppte sie sich zum Fenster, erhaschte einen Blick auf die Kirchenuhr und erschrak. Wenn sie nicht erneut den Unmut ihres deutlich älteren Mannes auf sich ziehen wollte, musste sie sich beeilen und zum Wochenmarkt gehen. Pünktlich um 12 Uhr schloss er seinen Antiquitätenladen, den er mitten in der Stadt in vorteilhaftester Lage besaß. Er bestand darauf, dass das Essen genau 15 Minuten nach Ladenschluss auf dem Tisch stand.

Die aufkommende Angst begrub die schmerzlichen Bewegungen und sie schaffte es, sich schnell anzuziehen und zurechtzumachen. Abgesehen von den blauen Flecken im Gesicht und dem deutlich geschwollenen Auge war sie eine wunderschöne junge Frau mit goldbraunen lockigen Haaren, raffiniert nach oben gesteckt. So wirkte sie wie eine Adelige. Zu Recht, denn ihr Vater, hoch angesehen im Regiment, war ein direkter Nachfahre von Carl Ferdinand Freiherr von Plittersdorf. Dieser war damals, zu Zeiten von Augusta Sybilla, eng mit dem Herrschaftshaus verbunden. Genau das war der Grund, weshalb sie nicht mit ihren Eltern über ihr eheliches Desaster reden wollte. Einzig und allein ihrer Freundin Magdalena hatte sie sich anvertraut und ihr damit gleichzeitig das Versprechen der allergrößten Verschwiegenheit abverlangt. Sei es drum, sie musste zum Markt. Kam sie zu spät, würde sie nichts mehr bekommen.

Hurtig überquerte sie das Kopfsteinpflaster, um an der Stadtkirche vorbei zum Marktplatz zu gelangen. Die anhaltenden revolutionären Unruhen gestalteten das Leben in dieser Zeit nicht einfach. Aufmerksam äugte sie in die Seitenstraßen und konnte gerade noch einen Blick auf eine patrouillierende Soldatenriege erhaschen. Tief zog sie die Haube ihres Umhanges ins Gesicht. »Isabelle!«, rief es auf einmal zart von der Seite. »Isabelle, warte!«

Schon spürte sie eine Hand am Arm. Die Berührung ließ sie empfindlich zusammenzucken. Sie hob kaum den Kopf an. »Oh mein Gott, Isabelle! Was hat er dir nur wieder angetan? Wann willst du endlich etwas dagegen unternehmen?«

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